Kardiologe Dr. Christian Meyer über Darm, Mikrobiom, Entzündungen, Longevity, neue regenerative Herztherapien und warum die meisten Menschen erst über ihr Herz nachdenken, wenn es zu spät ist
Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören weiterhin zu den häufigsten Todesursachen weltweit. Lange konzentrierte sich die Medizin dabei vor allem auf das Herz selbst – etwa auf Blutdruck, Cholesterin oder Gefäßverengungen.
In den vergangenen Jahren hat sich dieses Bild jedoch deutlich erweitert. Immer mehr Studien zeigen, dass unser Herz Teil eines komplexen biologischen Netzwerks ist. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Darm. Wissenschaftler sprechen inzwischen von der Darm-Herz-Achse. Wie eng Darmgesundheit, Entzündungsprozesse und Herzfunktion miteinander verbunden sind, erklärt der Kardiologe Dr. med. Christian G. Meyer im Gespräch mit ZEOLITH WISSEN.
Dr. Meyer ist Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie sowie Facharzt für Allgemeinmedizin, zudem zertifizierter Longevity-Experte. In den Schlosspraxen Meyer in Hachenburg (Rheinland-Pfalz) beschäftigt er sich intensiv mit Prävention, moderner Herzdiagnostik und innovativen regenerativen Therapieansätzen.
ZEOLITH WISSEN (ZW): „Herr Dr. Meyer, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind seit Jahrzehnten die häufigste Todesursache weltweit. Trotz moderner Medizin scheint das Problem aber immer noch größer zu werden. Warum?“
Dr. med. Christian Meyer (CM): „Wir haben in der Kardiologie zwar enorme Fortschritte gemacht. Herzinfarkte können schneller behandelt werden, Gefäße lassen sich gezielt wieder öffnen und viele Patienten leben deutlich länger als früher. Das grundlegende Problem bleibt jedoch bestehen: Wir sind heute sehr gut darin geworden, die Folgen von Erkrankungen zu behandeln – aber noch zu wenig darin, ihre Ursachen zu verhindern. Hinzu kommt, dass sich neue Erkenntnisse, etwa im Bereich der Prävention und die Anwendung innovativer Therapieformen nur sehr langsam verbreiten.“
Die meisten Menschen denken erst über ihr Herz nach, wenn es schon zu spät ist. Dr. med. Christian G. Meyer, Facharzt für Kardiologie, Innere Medizin und Allgemeinmedizin
ZW: „Hängen diese steigenden Prävalenz-Zahlen auch mit unserem Lebensstil und unserer Umwelt zusammen?“
CM: „Ja, ganz eindeutig. Unsere Lebensweise hat sich in wenigen Jahrzehnten massiv verändert. Viele Menschen bewegen sich zu wenig, ernähren sich mit stark verarbeiteten Lebensmitteln und stehen dauerhaft unter Stress. Hinzu kommen wachsende Umweltbelastungen. All diese Faktoren führen häufig zu chronischen, niedriggradigen Entzündungen im Körper und diese Prozesse gelten heute als zentraler Treiber vieler chronischer Erkrankungen – von Herz-Kreislauf-Erkrankungen über Diabetes bis hin zu neurodegenerativen Erkrankungen.“
Die moderne Medizin zeigt immer deutlicher, dass der menschliche Körper ein hochvernetztes System ist. Der Zustand unseres Darms, unseres Mikrobioms und unserer Darmbarriere kann direkten Einfluss auf das Herz-Kreislauf-System haben. Dr. Christian G. Meyer
Darm und Herz – ein lange unterschätzter Zusammenhang
ZW: „In der Forschung wird zunehmend über die sogenannte Darm-Herz-Achse gesprochen. Was bedeutet das konkret?“
CM: „Der menschliche Körper ist ein hochvernetztes System. Der Darm spielt dabei eine zentrale Rolle, weil er unser Mikrobiom beherbergt – also Milliarden von Mikroorganismen, die an zahlreichen Stoffwechselprozessen beteiligt sind. Diese Mikroorganismen produzieren Stoffwechselprodukte, die über den Blutkreislauf im ganzen Körper wirken können und beispielsweise Entzündungsprozesse oder die Gefäßfunktion beeinflussen. Wenn das Mikrobiom gestört ist oder die Darmbarriere geschädigt wird, können entzündungsfördernde Stoffe in den Körper gelangen. Diese chronischen Entzündungsprozesse können wiederum die Gefäße schädigen und langfristig das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen.“
ZW: „Das bedeutet also, dass eine gestörte Darmbarriere auch zur Entstehung von Herzkrankheiten beitragen kann?“
CM: „Genau. Eine intakte Darmbarriere, also das mehrschichtige System, das man oft vereinfacht Darmwand nennt, sorgt normalerweise dafür, dass nur ausgewählte Stoffe in den Blutkreislauf gelangen. Wird diese Barriere jedoch durchlässiger, können auch bakterielle Bestandteile oder entzündungsfördernde Moleküle, zudem Toxine und Stoffwechselabfallprodukte wie Ammonium in den ganzen Körper gelangen. Das aktiviert das Immunsystem und kann langfristig Gefäßschäden begünstigen, was ein wichtiger Mechanismus bei der Entstehung von Arteriosklerose ist.“
ZW: „Wenn Darm, Mikrobiom, der Zustand der Darmbarriere und Entzündungsprozesse so eng mit der Herzgesundheit verbunden sind, bedeutet das im Umkehrschluss auch, dass Prävention eine viel größere Rolle spielen müsste als bisher?“
CM: „Absolut. Ich bin sogar überzeugt, dass Prävention in den kommenden Jahren eine noch viel größere Bedeutung bekommen wird. Viele chronische Erkrankungen entwickeln sich über Jahre oder sogar Jahrzehnte hinweg, ohne dass die Menschen das zunächst merken. Das bedeutet aber auch, dass wir sehr viele Möglichkeiten haben, frühzeitig gegenzusteuern. Ein gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung, regelmäßiger Bewegung, ausreichend Schlaf und die Reduktion von Toxinen und Belastungsfaktoren im Darm kann hier enorm viel bewirken. Gleichzeitig sollten wir lernen, den menschlichen Organismus stärker als Gesamtsystem zu betrachten. Herzgesundheit hängt eben nicht nur vom Herzen selbst ab. Sie ist eng mit Stoffwechsel, Immunsystem, Darmgesundheit und vielen anderen Faktoren verbunden. Wenn wir diese Zusammenhänge besser verstehen, können wir Krankheiten nicht nur systemisch behandeln, sondern im Idealfall sogar verhindern.“
Was im Körper tatsächlich bei einem Herzinfarkt passiert
ZW: „Viele Menschen kennen den Begriff Herzinfarkt, wissen aber nicht genau, was dabei im Körper passiert. Was ist ein Herzinfarkt medizinisch betrachtet?“
CM: „Ein Herzinfarkt bedeutet den Untergang von Herzmuskelgewebe. Ursache ist meist ein plötzlich verschlossenes Herzkranzgefäß. Im Laufe der Jahre können sich in den Gefäßwänden Ablagerungen bilden. Wenn eine solche Plaque einreißt, lagern sich Blutplättchen an und es entsteht ein Gerinnsel. Dieses kann das Gefäß vollständig verschließen. Der Herzmuskel erhält dann keinen Sauerstoff mehr. Wenn dieser Zustand länger anhält, beginnt das betroffene Gewebe abzusterben. Je schneller ein Patient medizinisch versorgt wird und das Gefäß wieder geöffnet werden kann, desto mehr an Herzmuskel kann gerettet werden.“
Prävention: Warum eine frühe Diagnostik so wichtig ist
ZW: „Welche Möglichkeiten haben Sie als Arzt heute, Risiken frühzeitig zu erkennen?“
CM: „Ein entscheidender Punkt ist eine möglichst präzise Diagnostik. Zu den wichtigen Untersuchungen gehören Laboranalysen, Langzeit-EKG, Blutdruckmessungen oder Belastungstests. Auch moderne Ultraschallverfahren ermöglichen heute eine sehr genaue Beurteilung der Herzfunktion. Ein besonders interessantes Verfahren ist beispielsweise die 3D-Stressechokardiographie, mit der wir sehen können, wie das Herz unter Belastung arbeitet. Hinzu kommt die so wichtige Vorsorge in Bezug auf den Darm: Magen-Darm-Spiegelungen geben Aufschluss über den Zustand des intestinalen Systems und auch der Speiseröhre. Wenn sich hier negative Veränderungen zeigen, kann ich als Arzt frühzeitig handeln. Ich weiß, viele Menschen scheuen diese Untersuchung, aber sie ist heute sehr kurz, präzise und dank einer ganz kurzen Narkose gar nicht unangenehm. Sie wird heute ab dem 50. Lebensjahr empfohlen, doch man sollte, Stichwort Prävention, schon früher daran denken.“
VO₂-Max – ein wichtiger Marker für die Herzgesundheit
ZW: „Sie sprechen häufig über den Nutzen des sogenannten VO₂-Max-Wert. Was ist das und warum ist dieser Wert so interessant?“
CM: „Der VO₂-Max beschreibt die maximale Sauerstoffaufnahme des Körpers unter Belastung. Vereinfacht gesagt zeigt dieser Wert, wie gut Herz, Lunge, Gefäße und Muskulatur zusammenarbeiten. In der Kardiologie gilt dieser Parameter als einer der wichtigsten Marker für die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit und Lebenserwartung. Niedrige Werte sind mit einer deutlich erhöhten Sterblichkeit verbunden. Der Vorteil ist: Dieser Wert lässt sich durch gezielte Maßnahmen wie Bewegung, Gewichtsreduktion oder besseren Schlaf deutlich verbessern.“
Die Zukunft der Medizin liegt nicht mehr nur im Reparieren von Schäden, sondern darin, die natürlichen Regenerationsmechanismen unseres Körpers gezielt zu aktivieren. Dr. med. Christian G. Meyer
Regenerationstherapie CSWT: Neue Ansätze in der Herzmedizin
ZW: „Wenn Prävention nicht mehr ausreicht und bereits eine Herzkrankheit vorliegt – welche Möglichkeiten hat die moderne Kardiologie?“
CM: „Die klassische Kardiologie verfügt zwar über sehr effektive Behandlungen – etwa Medikamente, Katheter-Verfahren oder Operationen. Parallel dazu wächst aber die Entwicklung anderer Therapien, die eigene Regenerationsprozesse im Herzmuskel anstoßen können. Ein Beispiel ist die Kardiale Stoßwellen-Therapie (CSWT), die wir derzeit als erste niedergelassene Praxis im gesamten deutschsprachigen Raum anbieten. Das Funktionsprinzip der CSWT ist rein regenerativer Natur: Dabei werden nicht-invasiv, also von außen, mechanische Impulse eingesetzt, um die Durchblutung des Herzmuskels zu verbessern und körpereigene Reparaturmechanismen zu aktivieren. Diese Therapie wird ambulant durchgeführt und kann für bestimmte Patienten eine sinnvolle Ergänzung zu bestehenden Behandlungsmöglichkeiten darstellen.“
Die Zukunft der Herzmedizin – Konsequente Prävention, frühe Diagnostik und individuelle Therapie
ZW: „Wohin entwickelt sich die Kardiologie aus Ihrer Sicht?“
CM: „Ich sehe die Zukunft in einem Zusammenspiel aus moderner Diagnostik, konsequenter Prävention und innovativen Therapieverfahren. Wir verstehen heute immer besser, dass der menschliche Körper über erstaunliche Regenerationsmechanismen verfügt. Ziel der modernen Medizin sollte es sein, diese Mechanismen gezielt zu unterstützen. Letztlich geht es darum, nicht nur länger zu leben, sondern möglichst viele Jahre gesund, aktiv und leistungsfähig zu bleiben.“
ZW: „Wenn man unser Gespräch zusammenfasst, wird deutlich: Umwelt, Lebensstil und Belastungen für unseren Körper haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Gleichzeitig wächst das Wissen über Prävention und Gesundheit. Wohin entwickelt sich die Medizin aus Ihrer Sicht?“
CM: „Ich sehe trotz aller Herausforderungen sehr optimistisch in die Zukunft. Noch nie zuvor konnten sich die Menschen so umfassend über Gesundheit informieren wie heute. Wissen ist ein wichtiger Schlüssel, um bewusst Entscheidungen für den eigenen Lebensstil zu treffen. Auch die Medizin verändert sich deutlich. Die Diagnostik wird immer präziser, und gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, wie wichtig Prävention ist. Parallel dazu entwickelt sich ein spannendes Feld immer stärker: die Regenerationsmedizin. Die Zukunft liegt deshalb in einem Zusammenspiel aus moderner Diagnostik, konsequenter Prävention, Eigenverantwortung und neuen medizinischen Ansätzen. Ziel ist letztlich das, was man heute oft Longevity nennt: möglichst lange gesund, aktiv und mit guter Lebensqualität zu leben.“
ZW: „Herr Dr. Meyer, herzlichen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch.“
Dr. med. Christian G. Meyer
Dr. med. Christian G. Meyer ist Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie sowie Facharzt für Allgemeinmedizin. In den Schlosspraxen Meyer in Hachenburg (Rheinland-Pfalz) verbindet er moderne Herzdiagnostik, Präventionsmedizin und innovative Verfahren der regenerativen Medizin.
Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt heute auf der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, moderner kardiologischer Diagnostik sowie neuen regenerativen Therapieansätzen. Dr. Meyer ist zudem zertifizierter Anwender der medizinischen Stoßwellentherapie (DIGEST e.V.) und gehört zu den wenigen niedergelassenen Kardiologen im deutschsprachigen Raum, die innovative regenerative Verfahren in der Herzmedizin einsetzen.
Als zertifizierter Longevity-Experte verfolgt er das Ziel, dass Menschen nicht nur per se länger leben, sondern dabei auch viele gesunde, aktive und leistungsfähige Lebensjahre genießen können.
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